Gesetzliche Mindeststandards in der Putenhaltung gibt es bisher weder auf nationaler noch auf europäischer Ebene. Das heißt aber nicht, dass die deutsche Putenwirtschaft unreguliert und verantwortungslos agiert. Puten geht es hierzulande deutlich besser als in den meisten anderen EU- und Drittstaaten – weil die Branche das Thema Tierwohl seit Jahren aus eigenem Antrieb voranbringt.
Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) müsste eigentlich wissen, dass eine (rein) nationale „Putenhaltungsverordnung“ unnötig ist. Der Beleg dafür findet sich auf seiner eigenen Website: Dort kann sich jeder Interessierte die „Bundeseinheitliche[n] Eckwerte für eine freiwillige Vereinbarung zur Haltung von Mastputen“ herunterladen.
Dieses Dokument bildet – auch, wenn es kein Gesetz ist – den Status-Quo in der deutschen Putenmast ab: Es ist die niedergeschriebene, freiwillige Selbstverpflichtung der Branche zu Haltungsstandards, die weit über jene in anderen Staaten hinausgehen. Was nur wenige wissen: Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat selbst hieran mitgewirkt!
Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.
Puteneckwerte: Wie sind sie entstanden, wer war beteiligt?
Die aktuelle Fassung der „Bundeseinheitlichen Eckwerte“, kurz „Puteneckwerte“, stammt aus dem Jahr 2013 und ist auf Initiative des Verbands Deutscher Putenerzeuger (VDP) entstanden. Sie basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und praktischen Erfahrungen deutscher Putenhalter. Beteiligt waren aber auch Vertreter aus dem BMELV (dem Vorgänger des heutigen BMEL), Entsandte mehrerer Bundesländer, des Friedrich-Loeffler-Instituts, außerdem Fachministerien und Fachbehörden. Ebenfalls involviert waren Universitäten, vier anerkannte Tierschutzorganisationen sowie der Deutsche Bauernverband (DBV).
Welches sind die wichtigsten Inhalte?
Besonders wichtig – und aktuell politisch besonders umstritten – ist die sogenannte Besatzdichte. Sie gibt an, wie viele Tiere auf der verfügbaren Fläche gehalten werden dürfen. Die Puteneckwerte legen fest, dass das sogenannte „Lebendgewicht“ bei weiblichen Tieren pro Quadratmeter nutzbarer Stellfläche maximal 52 Kilogramm betragen darf. Bei männlichen Tieren sind es 58 Kilogramm. Zum Vergleich: In anderen europäischen Ländern sind bis zu 70 Kilogramm üblich!
Essenzieller Bestandteil der Eckwerte ist darüber hinaus die (Selbst-)Verpflichtung der Putenhalter, in ihrem Betrieb ein Gesundheitskontrollprogramm zu etablieren: Anhand spezieller Indikatoren werden dabei der Gesundheitsstatus und das Wohlbefinden der Puten ermittelt. Bei Auffälligkeiten muss der Verantwortliche im Betrieb mit dem betreuenden Tierarzt Maßnahmenpläne erarbeiten und nachvollziehbar umsetzen. Als unerlässliche Bedingung für das Wohlergehen der Tiere nennen die Eckwerte explizit die Sachkunde der Halter und Betreuer, die nachgewiesen werden muss. Regelmäßige Fortbildungen sind verpflichtend und ebenfalls zu dokumentieren.
In der Pflege der Tiere regeln die Eckwerte beispielsweise, dass die Halter alle Puten mindestens zweimal täglich in Augenschein nehmen; dabei die Wasser- und Futterversorgung checken, die technischen Vorrichtungen überprüfen und sicherstellen, dass die Einstreu locker und trocken bleibt. Mindestens einmal im Monat muss der Tierarzt den Bestand (u.a. auf den Zustand der empfindlichen Fußballen) untersuchen. Vorgaben gibt es außerdem für die Fütterungs- und Tränkvorrichtungen, für Belüftung und Beleuchtung in den Ställen.
Welche praktische Relevanz haben die Puteneckwerte?
Ihre Vorreiterrolle ist unbestritten – in Dänemark wurden die Puteneckwerte sogar in eine Verordnung überführt. Hierzulande haben die Puteneckwerte für die Betriebe sowie für die (Kontroll-)Behörden rechtsähnlichen Charakter, sind also allseits anerkannt. Sie zeigen, dass die deutsche Putenwirtschaft ihre Verantwortung für Tierschutz und Tierwohl ernstnimmt. Und vor allem zeigen sie Wirkung: Mit ihrer Hilfe ist das Tierwohlniveau in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, bei gleichzeitig sinkendem Antibiotikaeinsatz. Auch dies wird gegenüber den Veterinärbehörden dokumentiert.
Wie hängen die Puteneckwerte mit der Initiative Tierwohl (ITW) zusammen?
Die Puteneckwerte sind Grundlage für eine Reihe privatwirtschaftlicher Haltungsinitiativen, an vorderster Stelle die Initiative Tierwohl (ITW). Die Haltungsstandards der ITW sind dabei nochmals strenger – mit maximalen Besatzdichten von 48 Kilogramm Lebendgewicht pro nutzbarem Quadratmeter Stallfläche (weibliche Tiere) bzw. 53 Kilogramm (männliche Tiere).
Die Einhaltung der Vorgaben wird zusätzlich zu den üblichen amtlichen Kontrollen bei umfassenden Audits kontrolliert, sowohl im Inland als im Ausland. Nach den Standards von ITW werden in Deutschland etwa 70 Prozent der Puten gehalten.
„Mit den teils drastischen Neuerungen, die die Politik in der Putenmast plant, missachtet sie diese etablierten und bewährten Initiativen – und riskiert, dass alle Errungenschaften der Branche fürs Tierwohl vergebens sind, indem sie die heimische Putenwirtschaft ins Abseits drängt“, so VDP-Vorsitzende Bettina Gräfin von Spee.